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Weintipp No. 41

17.06.2013

Kultrieslinge

Ein wenig archaisch sieht das Etikett mit dem Adler schon aus. Gut Hermannsberg wurde ursprünglich 1902 als „Königlich-Preussische Weinbaudomäne Niederhausen-Schloßböckelheim gegründet“. Ich sage Ihnen: diese Rieslinge von der Nahe sind absolut Kult! Ein Kollege schrieb: „wie Phönix stieg der Betrieb aus der Asche!“ – damit hat er die Übernahme im Jahr 2009 exakt beschrieben. Dr. Christine Dinse und Jens Reidel haben seit dem Kauf des monumentalen Weinguts nicht nur viel investiert, sondern vor allem den Stil der Weine geändert. Die Rieslinge strotzen vor Kraft, Terroir und Mineralität! Es sind wirklich großartige Weine mit Langlebigkeit aus altberühmten Lagen, wie Schloßböckelheimer Kupfergrube (der Adler dann auf kupferfarbenem Etikett) oder Niederhäuser Hermannsberg. Letztere hat dann auch zur neuen Namensgebung „Gut Hermannsberg“ geführt.
Zu der Kräuterküche mit neuen Kartoffeln kann ich Ihnen den 2011er Niederhäuser Riesling trocken empfehlen. Es ist kein „tutti frutti“ Wein, also fruchtig nett – nein viel mehr wirkt er schon im Duft ausdrucksstark. Sie werden das Gefühl haben, den Tonschieferboden zu riechen. Obwohl so ein kompakter Wein - zeigt er sich trotzdem geschliffen, fein und elegant. Er erinnert im Bukett an Pampelmusen, Äpfele und weiße Blüten. Beim Trinken haben Sie ebenfalls den Eindruck, dass der Wein das Terroir wiederspiegelt, anspruchsvoll – mineralisch. Anfangs muss man sich schon etwas mit ihm auseinandersetzen, er lebt eben nicht von der Fruchtnummer, sondern vielmehr zeigt er sich trocken und puristisch. Danach kommen für eine Steigerung allerdings nur noch wenige Weine infrage. Am besten gönnen Sie sich dann ein „Großes Gewächs“ aus dem Hermannsberg.
Nun ist das Weingut Hermannsberg schon immer etwas Besonderes gewesen. 15 m hohe Felsen und Kuppen wurden ursprünglich abgetragen um Platz für die Rieslingreben zu schaffen. Nach dem Entstehungsjahr 1902 wurden anfangs 80 anschließend sogar 200 Strafgefangene einquartiert und eingesetzt um intensive Forschungsarbeiten rund um den Wein zu betreiben. Die Liste berühmter Staatsleute, die in den Genuss dieser Weine kamen, ist lang! 1998 kam dann die erste große Wende, dass das Traditionsweingut in private Hände der Familie Maurer überging, die schon viel renoviert und das ehemalige Direktorenhaus in wunderschöne Gästezimmer umgestaltet haben. Knapp zwanzig Jahre später kommen Dr. Christine Dinse und Jens Reidel in den  Besitz dieses Kleinods. Zum 110jährigen Jubiläum haben sie ein großartiges Buch mit der gesamten Geschichte herausgegeben.
Übrigens bin ich immer wieder überrascht, dass bei vielen Weinliebhabern die Weine der Nahe noch so unterschätzt werden! Wenn international von den besten Deutschen Weinen gesprochen wird, gehören ganz selbstverständlich die Naheweine dazu!

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